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Identität

Meine Identität sagt, sie befindet sich in einer Krise. Weinend sitzt sie mir gegenüber. Ich möchte trösten, schaffe es aber nicht, mich vom Stuhl zu lösen. Festgeklebt starre ich sie an. Sie sieht traurig und verzweifelt aus. Als ich mich endlich aufraffen kann, schaut sie mich erwartungsvoll an. Ich starre, aber ihr Elend und ihre Verzweiflung lassen mich unwohl fühlen. Ekel kommt in mir hoch – mir selbst und ihr gegenüber. Ich warte noch ein Weile, aber ihr Schluchzen hört nicht auf. Ich drehe mich um und gehe. Ohne einen Blick zurück, lasse ich sie da sitzen. Ich kann ihr nicht helfen und schäme mich dafür. Ekel kommt in mir hoch – mir selbst und ihr gegenüber.

Ich stecke fest in meiner Mittelmäßigkeit. Mit dem Kopf auf dem Knie erfinde ich Entschuldigungen, Rechtfertigungen und Ausreden. Meine Augen sind müde. Im Internet schaue ich mir die Leben anderer an – so wie sie sie verkaufen. Ich glaube ihnen.
The urge to stay alive, boy. Brechtzitat und YouTube-Videos.

begrüßen

Ich fahre mit der Hand über die Oberfläche. Meine Haut brennt. Die Hände bluten und ich halte den Druck nicht mehr aus. Ein Knacken. Laufen und Flüssigkeit. Tropfen bilden sich und verschwimmen im Schlamm. Ich stecke meine Finger in deinen Mund und ziehe vorsichtig deine Zähne aus dem Gebiss. Lautlos. Auf Wiedersehen.

Restless

Die Füße waren an die Decke gepresst. So doll, dass die Zehenspitzen schon ganz weiß waren. Früher hatte sie das oft gemacht. Einfach so, eine Weile.

Aber vielleicht ja auch er? Er hatte die Füße an die Decke gepresst… der Mensch hatte… , die Person, Ich?

Das schreibt sich schlecht, dann gibt es keinen Lesefluss, keinen roten Faden auf den alle so abfahren. „Ein bisschen Chaos“ hatte er gesagt. So.
15%… aber was sollte schon passieren? Der Knaller? Das was alles bereits Gewesene in den Schatten stellt? Unendlichkeit entsteht und Sterblichkeit stirbt? 00:00! Nichts passiert. Rückwärts im Bett sitzen. Vielleicht auch hinlegen, auf Morgen warten – die Augen offen lassen. So lange bis sie austrocknen oder ewig auf einen Punkt starren bis man nichts mehr sieht, alles verschwimmt. Randlos, die Augen vertrocknen, Blut läuft heraus. Funktioniert nicht. Scheiße. Starren auf die graue Rauhfasertapete – Augen offen halten. 11%…

Ihre Zehen hatten sich entspannt, ohne ständigen Druck waren sie rötlich geworden. Sie riss die Augen wieder auf und starrte auf die Rauhfasertapete. Rückwärts im Bett sitzen. 9%. 9% waren genug.

Bei 7% war sie draußen. Mehr als sie ertragen konnte. Ein dumpfes Geräusch. Prädikat und Objekt? Adjektive. Keine Tapete. Trotzdem: Augen aufreißen, starren, zwanghaft Suchen. Fallen lassen und Versinken.

Diese blöden unendlichen Spiegelräume. Spaß; sie stellt sich in die Mitte, macht ein Foto und sieht sich im Spiegel mit Handy und Handyfoto im Spiegel mit sich und Handy im Spiegel und Handyfoto mit sich und… you know. Keine Rauhfasertapete, keine weißen Zehen, kein krampfhaftes – Lächeln, Foto – Unendlichkeit. In einem. Foto. Fotos als Symbol für Vergänglichkeit – müde. Egal, ist schon passiert. 8%. Irgendwas muss her.

Tapete, Augen, Spiegel, Foto, Pochen und. Ein Pochen, Blut und dann nichts mehr. Andere werden weiter machen. Andere werden Sein, andere werden sie sein. Andere werden starren, erzählen. 5% und Dunkelheit.

ohne

Die Scherbe steckte tief. Er drückte sie weiter hinein. Lächeln. Der Käfer am Straßenrand beobachtete das Ganze. Sein Gehörgang brannte, diese Geräusche brachte ihn um. Aushalten. Anhalten. Luftholen.
Überall Zittern, Rascheln, Lauschen, Schreien. Reden, Sagen, Schweigen.

Sein Gehörgang brannte. Die Scherbe steckte tief. Er drückte sie weiter hinein. Lächeln.
Der Käfer am Straßenrand wandte sich um sich selbst. So viel Ekel hatte er noch nie gesehen.
Knacken. Noch ein Stück. Die Scherbe würde ihren Zweck erfüllen. Aushalten. Anhalten. Luftholen. Überall Lachen, Zähne zeigen, Mund aufreißen, Freundlich sein. Reden, Sagen, Schweigen.

Sein Gehörgang brannte. Die Scherbe steckte tief. Er drückte sie weiter hinein. Lächeln.